Polytrauma, wenn es zu einer gleichzeitigen Verletzung mehrerer Körperregionen kommt, bei der mindestens eine Verletzung lebensbedrohlich ist.

Erfahrungs Berichte
Unter dem Begriff Polytrauma versteht man einen Zustand, bei dem Betroffene mehrere Verletzungen haben und eine davon oder die Kombination mehrerer lebensgefährlich ist und dringender Therapie bedarf. Die Verletzungen können verschiedene Körperregionen oder Organsysteme betreffen.
Ja, ein Polytrauma ist lebensgefährlich und bedarf dringlicher Behandlung.
Betroffene eines Polytraumas werden eigentlich immer mit dem Rettungswagen in die Klinik gefahren, weil die Verletzungen so schwer sind.
Je nach Ausmaß der Verletzungen sind Betroffene noch in der Lage zu reden oder aber bewusstlos, und dementsprechend ist eine Anamnese noch eigenständig oder nur durch Fremde und „Nebenstehende“ möglich.
Generell gilt, dass man nach (schweren) Verkehrsunfällen, Stürzen aus über 3m Höhe, Unfällen, bei denen ein Mitfahrer aus dem Auto „geschleudert“ wurde oder gestorben ist, oder aber mehrere Personen beteiligt sind, im Rahmen von „Massenverletzungen“ von schweren Verletzungen oder einem Polytrauma ausgehen kann.
Auch wenn man nach solchen Ereignissen noch gehen kann bzw. „sich fit fühlt, sollte man immer zum Arzt oder gar ins Krankenhaus.
Es gibt einige Situationen, in denen ein Polytrauma angenommen werden muss. Hierzu zählen:
Zudem gibt es einige Verletzungen, bei denen man, wenn sie auftreten, auch von einem Polytrauma ausgehen kann.
Das hängt aber auch vom Schweregrad der Verletzung ab.
Hierzu zählen unter anderen:
Letztendlich kommt es oft bei einem unbehandelten Polytraum zu einem Untergang des Gewebes, aufgrund einer Minderversorgung mit Blut bzw. Sauerstoff.
Durch den massiven Schaden, der dabei entsteht, kommt es zu einer »Zytokinausschüttung«.
Zytokine sind hierbei „Botenstoffe“, die beispielsweise auch bei einer Entzündungsreaktion mitwirken und diese fördern.
Es kommt zu einer überschießenden Antwort des Immunsystems, was zu einem “SIRS” (Systemic inflammatory response syndrome) führt. Es kommt zu einer starken Dysregulation im Körper, was letztendlich zu einem Multiorganversagen führt.
Die Symptome eines Polytraumas können ganz unterschiedlich ausfallen.
Per Definition sind aber mehrere Organsysteme/Extremitäten betroffen und eine oder die Kombination mindestens zweier Verletzungen lebensbedrohlich ist.
Es liegen auch meistens mehrere bis viele Verletzungen vor.
All diese Verletzungen können folgende Symptome auslösen:
Da es sich meist um akute Unfallereignisse handelt, ist nicht immer eine Anamnese möglich, da die Betroffenen oft nicht ansprechbar sind.
Hier gilt es dann in der präklinischen Phase (also die Phase, in der der Rettungsdienst anwesend ist) nach dem cABCDE Schema vorzugehen, um herauszufinden, wo sich die Verletzungen befinden.
Dann Transport in eine Klinik nach Ankündigung und in “stabilem” bzw. transportfähigem Zustand.
In der Klinik kommen die Betroffenen dann in den Schockraum.
Hier kümmert sich ein interdisziplinäres Team um die Patienten und beginnt neben weiterer Diagnostik auch gleich mit der Therapie bzw. führt die eingeleitete Therapie des Rettungsteams fort.
Ergeben sich bei der Untersuchung akut behandlungsbedürftige Verletzungen, werden die Patienten in den OP gebracht oder gar noch im Schockraum operiert.
Da das Polytrauma nicht wirklich ein Krankheitsbild beschreibt, sondern einen lebensbedrohlichen Zustand, der durch verschiedene Verletzungen ausgelöst wird, lässt sich die Differentialdiagnose nicht pauschalisieren.
Vielmehr sind die einzelnen Verletzungen, die je nach Unfallhergang auftreten können, die Differenzialdiagnosen, die es herauszufinden geht. Folgende Krankheiten werden immer untersucht/ ausgeschlossen:
Die Behandlung des Polytraumas ist komplex und erfordert eine interdisziplinäre Therapieentscheidung sowie ein interdisziplinäres Therapiekonzept.
Es sind immer mehrere Fachrichtungen beteiligt.
Die Behandlung beginnt schon am Unfallort, also “präklinisch”.
Hier gilt es, die betroffene Person “transportfähig” zu machen, um sie schnellstmöglich in ein Krankenhaus zu bringen.
Hierfür sind eine schnelle Ersteinschätzung, Beruhigung, Schmerzmedikamente, Volumengabe oder aber eine notfallmäßige Intubation relevant.
Es erfolgt immer wieder eine (Re-) Evaluation des Patientenstatus, so auch, sobald die Betroffenen im Krankenhaus eintreffen.
Hier wird im Schockraum erst einmal eine Übergabe gemacht, damit alle Beteiligten wissen, was passiert ist (wenn eine Eigen-/Fremdanamnese) möglich ist.
Danach geht es darum, genau herauszufinden, welche Verletzungen die Betroffenen haben, um einordnen zu können, was als erstes behandelt werden muss.
Nach dem Motto “treat first what kills first” werden die lebensbedrohlichen Verletzungen zuerst therapiert und nicht bedrohliche Verletzungen (z.B. eine Fraktur, die nicht für eine relevante Blutung verantwortlich ist) erst einmal stabilisiert und zu einem späteren Zeitpunkt final versorgt.
Oftmals sind Operationen nötig, selten kann komplett konservativ behandelt werden. Es folgt auch immer eine anschließende Überwachung, oftmals auf der Intensivstation oder einer “speziellen” Überwachungsstation.
Im Verlauf folgt eine Verlegung auf Normalstation bis die Betroffenen letztendlich entlassen werden können.
Folgende Operationsverfahren kommen, je nach genauen Verletzungen zum Einsatz:
Neben Operationen kommen natürlich noch Medikamente, wie zum Beispiel Antibiotika, kreislaufstabilisierende Medikamente, Schmerz- und Beruhigungsmittel sowie sämtliche Medikamente, die helfen den “Normal- bzw. "Idealzustand" des Körpers wiederherzustellen, zum Einsatz.
Dazu sind manchmal auch zeitweise “Ersatzverfahren”, wie zum Beispiel die Dialyse als Nierenersatzverfahren oder eine Intubation als Lungenunterstützung sowie eine Herz-Lungen-Maschine zur Kreislaufunterstützung nötig.
Alles in allem geht es bei einem Polytrauma darum, die Betroffenen initial zu stabilisieren und lebensbedrohliche Verletzungen schnell zu behandeln.
Danach folgt eine “Stabilisierung des Körpers” und dann letztendlich die Genesung und Rehabilitation der Betroffenen.
Es lässt sich nicht pauschalisieren, wie lange die ganze Genesungsphase dauert, da das stark von den Verletzungen und möglicherweise auftretenden Komplikationen abhängt.
Die Prognose bei einem Polytrauma lässt sich nicht pauschalisieren.
Sie hängt stark vom Verletzungsausmaß sowie dem Auftreten von Komplikationen im Verlauf und individuellen Faktoren ab.
Es ist in jedem Fall ein einschneidendes Erlebnis, was eine adäquate Therapie und auch Nachbehandlung erfordert.
→ siehe Abschnitt Komplikationen
Der Verlauf lässt sich nicht pauschalisieren.
Er hängt nicht nur von den initialen Verletzungen und individuellen Faktoren, sondern auch von möglichen Komplikationen ab, die erst im Verlauf auftreten.
Je nachdem kann der Verlauf eher kürzer über wenige Wochen oder aber Monate bis hin zu Jahren dauern.
Teils bilden sich eben auch nicht alle entstandenen Verletzungen/ Schäden des Körpers zurück und bleiben dann lebenslang bestehen.
Bei einem Polytrauma können ganz verschiedene Komplikationen auftreten.
Zum einen solche, die direkt durch die Verletzungen ausgelöst werden, dann aber auch solche, die durch z.B. langes Liegen oder einfach die akute, schwere Belastung des Körpers entstehen.
Die Dauer eines Polytraumas lässt sich ebenfalls nicht pauschalisieren.
Sie hängt sehr von den Verletzungen und individuellen Faktoren ab. Es kann sein, dass die Verletzungen z.B. eher oberflächlich sind und schnell heilen (innerhalb von Tagen bis wenigen Wochen). Andere Verletzungen erfordern mehrere Operationen und eine lange Genesungs- und Rehabilitationsphase.
Zudem hängt die Dauer des Krankenhausaufenthaltes sowie die anschließende Rehabilitation von auftretenden Komplikationen ab, die sich nur teilweise "voraussagen" lassen.
Hier gilt allgemein, je kranker eine betroffene Person schon ins Krankenhaus kommt, desto wahrscheinlicher schließt sich eine lange Genesung an.
Auch das lässt sich natürlich aber nicht auf jeden übertragen, da auch augenscheinlich gesunde Leute einen schweren, langwierigen Verlauf erleben und sehr kranke Menschen schneller “als erwartet” genesen können.
Letztendlich kann man einem Polytrauma nur bedingt vorbeugen, je nach Unfallhergang.
Wichtig ist es aber immer auf Arbeitsschutz sowie “sicheres” Arbeiten bei z.B. Arbeiten im häuslichen Umfeld zu achten.
Außerdem empfiehlt es sich immer, einen Gurt beim Autofahren und Helm beim Fahrradfahren zu tragen.
Zudem gilt es sich an die entsprechenden Vorgaben z.B. im Straßenverkehr zu halten (nicht intoxikiert fahren, genügend Abstand einzuhalten, Pausen zu machen, wenn man müde ist, etc.).
Am häufigsten sind bei einem Polytrauma der Brustkorb und der Schädel betroffen.
Danach folgen Bauchverletzungen.
Dann sind Becken- und Wirbelsäulenverletzungen die nächst häufigen, gefolgt von letztlich Extremitätenverletzungen.
Prinzipiell kann jeder jeden Alters von einem Polytrauma betroffen sein.
Am häufigsten erleiden Betroffene ein Polytrauma im Rahmen schwere Verkehrsunfälle, gefolgt von Stürzen aus > 3 m Höhe und dann Suizidversuchen.
Jährlich sind zwischen 32.000 - 38.000 Menschen von einem Polytrauma betroffen.
¼ der Betroffenen leiden unter Bauchverletzungen und über 50% erleiden schwere Thoraxverletzungen (Verletzungen des Brustkorbs) oder Schädel-Hirn-Traumata (Verletzungen des Gehirns und/oder Schädels)
Auch Kinder können von einem Polytrauma betroffen sein.
Die Vorgehensweise und letztendlich auch die Behandlungen sind gleich, allerdings auf Kinder abgestimmt.
Hier ist es natürlich besonders wichtig eine einfühlsame Behandlung und angemessene Umgebung zu schaffen und auch die Eltern in den Prozess mit einzubeziehen und angemessen aufzuklären.
In der Schwangerschaft kann es ebenso zu einem Polytrauma kommen.
Hier behandelt man dann nicht nur die Mutter sondern gegebenenfalls auch das Kind.
Es gilt besonders in Notfallsituationen das Leben der Mutter zu retten, sodass auch beispielsweise Bildgebungen, bei denen Strahlung verwendet wird, wie zum Beispiel eine CT im Notfall gefahren wird, um eine schnelle Einschätzung zu ermöglichen.
Es gibt inzwischen auch viele Strahlenschutzmöglichkeiten, um die Strahlenbelastung so gering wie möglich zu halten.
Im Notfall kann eine Entbindung in Form eines Kaiserschnitts nötig sein. Zudem sollte auch für den Rest der Schwangerschaft eine besondere Betreuung erfolgen, um auf Ängste und Sorgen der werdenden Eltern und vor allem Mütter einzugehen.
Die möglichen Verletzungen sowie Behandlungen sind prinzipiell gleich, wie bei nicht Schwangeren.
Für schwangere Personen ist es wichtig, immer den Mutterpass mitzuführen, damit Einsatzkräfte im Notfall schnell über die Schwangerschaft und vielleicht aufgetretene Komplikationen Bescheid wissen.
Je nach Schwere der Verletzungen kann es aber zu einem Verlust des Kindes bei Überleben der Mutter, aber auch andersherum kommen. Eine interdisziplinäre Betreuung ist in jedem Fall für die Familie wichtig.
Therapiemöglichkeiten, Medikamenteneinnahme und Diagnoseverfahren müssen oft an die Schwangerschaft angepasst werden.
Du solltest daher immer Deinen behandelnden Arzt/Ärztin über die Schwangerschaft informieren.